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23.03.2007 10:13
 

Lieber Herr Doll,

ich heiße Julian, und ich bin 18 Jahre alt. Ich habe das Down Syndrom, das heißt, ich kann nicht so gut denken. Andere Menschen sagen, dass ich geistig behindert bin.

Ich mache mir große Sorgen um meinen BVB. Seit dem Jahr 2000 fahre ich immer zu allen Heimspielen – mit meinem Vater, mit meiner Mutter und mit meinem Bruder, der schon 24 Jahre alt ist. Mein Vater und mein Bruder sind schon vorher zum BVB gefahren.

Wenn ich auf der Südtribüne im Block 81 auf „meinem“ Platz 52 in der Reihe 8 stehe, dann bin ich immer sehr glücklich. Um mich herum stehen viele Menschen, die ich gerne mag. Und ich glaube, diese Menschen mögen mich auch. Viele haben mich im vergangenen Jahr zu Hause in Nettetal besucht, als ich 18 Jahre alt geworden bin. Ich hätte sie ohne den BVB nie kennen gelernt. Sie kommen aus Essen, aus Bad Karlshafen in Hessen, aus Schwerte, aus Coesfeld und natürlich auch aus Dortmund.

Julian im Frühjahr 2005 vor dem Spiel gegen den VfB Stuttgart

Julian im Frühjahr 2005 vor dem Spiel gegen den VfB Stuttgart

Ich habe Angst um den BVB. Angst darum, dass er absteigen muss. Dann kann ich nämlich nicht mehr die Heimspiele besuchen. Ich kann mir dann keine Dauerkarte mehr kaufen. Ich kann meine Freunde auf der Südtribüne nicht mehr sehen. Und ich kann den BVB nicht mehr spielen sehen und anfeuern.

Denn ich arbeite ja in einer Werkstatt. Wir verpacken Armaturen für Küchen und Badezimmer von ziemlich reichen Leuten. Sie sind sehr teuer. Manchmal montieren wir auch Armaturenzubehör, dann wird es verpackt. Manchmal muss ich Etiketten aufkleben. Und wir arbeiten für eine Firma, die Reinigungsmittel herstellt. Wir bauen die Düsen zum Verspritzen zusammen und wir verpacken die Flaschen und Dosen.

Ich stehe morgens um 6.15 Uhr auf, weil ich dann mit meiner Mutter und mit meinem Vater frühstücke. Kurz nach 7 Uhr holt mich der Bus ab zur Werkstatt. Um 8 Uhr beginnt die Arbeit. Ich habe eine Stunde Mittagspause, da gibt es in der Kantine Essen. Um 16 Uhr ist die Arbeit zu Ende. Mit dem Bus fahre ich dann nach Hause, wo ich kurz vor 17 Uhr ankomme.

Ich arbeite gerne und bin glücklich, weil ich da Geld verdiene. 57 Euro im Monat! Das ist mehr als ich brauche. Eigentlich brauche ich nämlich nur 50 Cent am Tag, damit ich in der Werkstatt eine Flasche Coca-Cola aus dem Automaten kaufen kann. Und 10 Euro spare ich jeden Monat, damit ich eine Dauerkarte für die Südtribüne kaufen kann. Sie kostet 91 Euro. Der Preis ist ermäßigt, weil ich das Down Syndrom habe. Mein Vater, meine Muter und Phi-lipp bezahlen jeder, so glaube ich, das Doppelte.

Wenn Geld übrig ist, wenn ich Geburtstag habe oder wenn Weihnachten ist, dann kaufe ich mir ein Trikot des BVB. Oder ich lasse es mir schenken. Ich trage nämlich seit acht Jahren jeden Tag das Trikot. Jeden Tag. Da muss man schon mehrere zum Wechseln haben, weil sie verschleißen und ja auch gewaschen werden müssen. Ich habe auch eine Fahne, die ich immer schwenke. Mein Vater, meine Mutter und mein Bruder haben immer einen Schal um. Mein Bruder auch immer ein Trikot. Aber nur beim Spiel.

Julian und Freund Dieter

Julian und Freund Dieter

Manchmal hänseln mich meine Freunde und Kollegen. Nettetal liegt direkt an der holländi-schen Grenze, bei Venlo. Da ist alles fest in Händen von VfL Mönchengladbach. Aber ich stehe fest zu meinem BVB. Manchmal verliert der BVB ein Spiel. Dann sind mein Vater und mein Bruder oft schlecht gelaunt. Ich nicht. Ich bin eigentlich immer glücklich und zufrieden. Auch wenn der BVB verliert. Ich weiß nämlich, dass alle alles geben. So wie ich bei der Arbeit. Da klappt auch nicht immer alles, und manchmal gibt es ein bisschen Stress, weil man nicht ordentlich gearbeitet hat oder so. Aber ich gebe mir immer viel Mühe. Und die Spieler vom BVB geben sich auch Mühe.

Aber ich habe Angst. Denn wenn der BVB absteigt, kann ich die Spiele nicht mehr sehen. Freitags muss ich bis 16 Uhr arbeiten und bin erst um 17 Uhr zu Hause. Montags auch. Mein Vater arbeitet auch. Er hat gesagt, wir können dann keine Karten mehr für die Zweite Liga kaufen, weil die Arbeit wichtiger ist als das Spiel. Ich will aber auch in Zukunft den BVB unterstützen, ihn anfeuern.

Jetzt werden Sie sagen, du hast doch genug Zeit, um noch rechtzeitig ins Stadion zu kommen? Ja, aber dann bekomme ich nicht „meinen“ Platz in Block 81, Reihe 8 und Platz 52. Da stehe ich immer. Wenn ich da nicht stehen kann, bin ich sehr unglücklich. Wenn der BVB samstags spielt, dann fahren wir um 11.30 Uhr los. Um 13.30 Uhr sind wir am Stadion. Wir sind immer ganz früh, damit ich meinen Platz bekomme. Oft sind die Stadiontore noch nicht auf. Aber das macht nichts. Meine Eltern und mein Bruder sagen immer: „Wir wollen dich glücklich sehen. Also fahren wir früh nach Dortmund.“ Wenn das Spiel zu Ende ist, warten wir immer ein bisschen, denn dann schieben und drängeln sich die Fans die Treppen und Gänge entlang. Das ist nichts für mich. Wir gehen erst, wenn die Südtribüne fast ganz leer ist. Manchmal sehe ich, wie Spieler sich auslaufen. Zu Hause sind wir dann immer so um 19.30 Uhr. Wir nehmen nämlich noch einen Freund von meinem Bruder mit und setzen ihn zu Hause ab, in einem Nachbarort, wo wir ihn morgens auch abholen.

Im Fernsehen sehe ich den BVB dann abends im Sportstudio. Die Sportschau ist ja längst vorbei. Ich gucke dann immer, und ich sehe mir Sport im Westen und viele andere Sendungen an, in denen der BVB gezeigt werden könnte. Aber am besten ist es, mit den Freunden auf der Südtribüne zustehen und zuzusehen. Und das Schönste sind die Tore. Dann werfen wir mit selbst gemachtem Konfetti.

Heute wird gefeiert...

Heute wird gefeiert...

Haben Sie schon einmal selbst Konfetti gemacht? Das ist ganz einfach. Ich sammele Wer-beprospekte aus Zeitungen und schneide sie mit der Schere ganz klein. Das Papier ist schön glatt und superleicht. Ich schnibbele immer einen ganzen Karton voll. Das mache ich abends, wenn ich nach der Arbeit Lust dazu habe. Die habe ich eigentlich immer. Wenn man das Konfetti auf der Südtribüne in die Luft wirft, setzt sich der Wind darunter und wirbelt es richtig hoch. Alle Leute um mich herum sind dann voll Papier. Manche haben es im Bier und gucken dann erst ganz böse. Aber wenn sie mich sehen, dann lachen sie und freuen sich, weil ich mich freue.

Lieber Thomas Doll, versuche, bitte, bitte, alles, damit der BVB in der Ersten Liga bleibt. Denn ich will weiter Konfetti schnibbeln und in die Luft werfen. Ich will weiter die Lieder mitsingen und die Spieler anfeuern. Und ich habe auch schon wieder fast das Geld zusammen, damit ich eine Dauerkarte kaufen kann. Aber die bekomme ich nur, wenn der BVB in der Ersten Liga bleibt. Meinen Sie, dass Ihnen das gelingen wird? Ich strenge mich mit dem Anfeuern für den Rest der Saison auch noch mehr als bisher. Versprochen.

Ihr Julian

Anmerkung der Redaktion: Inzwischen hat der Brief wohl seinen Adressaten erreicht. BVB-Pressesprecher Josef Schneck teilte uns folgendes mit:

"Thomas Doll bedankt sich herzlich bei Julian Peters aus Nettetal für den Brief und die Fotos. Ich habe mit dem Trainer vereinbart, dass wir Julian ein BVB-Trikot mit den Autogrammen unserer Spieler zuschicken. Dieses Trikot geht heute raus.

Mit freundlichen Grüßen
Josef Schneck"

Ein besonderer Dank, insbesondere von Julian und seinem Vater Ludger geht an Herrn Schneck und Jens Volke für ihre Bemühungen den Brief weiter zu leiten.

Das Trikot ist inzwischen in Nettetal eingetroffen. So viel Service wünscht man sich häufiger vom BVB!!!

Wir wünschen Julian weiterhin viel Freude an seinem BVB, Thomas Doll viel Erfolg in Dortmund und uns allen den Klassenerhalt unserer Borussia!


*NEU* Wenn hinter dem letzten Spieler von keiner Mannschaft niemand mehr steht, dann ist es kein Abseits!
 
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