Mit Jürgen Klopp beim Bierchen diskutieren
Ungewohnte Fannähe in Dortmund: Um die BVB-Fanszene besser kennen zu lernen, lud Trainer Jürgen Klopp am Mittwochabend Vertreter vieler Fanclubs und Fan-Organisationen in die Lounge unter der Nordtribüne ein. In lockerer Atmosphäre beredeten Fans und Coach Themen wie den Einfluss der Südtribüne auf die Mannschaft, die Verantwortung der Fans, Dortmunds junge Innenverteidiger und Torflaute sowie Einsatzfreude bei Nelson Valdez.
Jürgen Klopp ist ein Macher. Er packt an. Nicht nur im sportlichen Bereich. Um bestmögliche Diskussionsvoraussetzungen zu schaffen, rückt der Trainer zusammen mit den Fanbetreuern Petra Stüker und Jens Volke sowie den Fans erstmal einige Tische zur Seite und baut einen Stuhlkreis auf. Nachdem sich jeder am Getränketisch mit Pils, Biermischgetränken oder alkoholfreien Erfrischungen eingedeckt hat (Jürgen Klopp bevorzugt übrigens Radler), nehmen alle Teilnehmer Platz.
Ein bunter Haufen von 22 Menschen, ein Querschnitt der Dortmunder Fanszene, sitzt da dem Trainer gegenüber. Vertreter der beiden größten Fanclubs, dem Freundeskreis Hostedde und dem Fanclub Oeventrop-Freienohl, sind ebenso da wie Abgesandte der Kamener Jungs, der Allesfahrer von den Magic Golagettern, des Kultclubs Dortmunds und der Bulldogs. Die drei Ultragruppierungen The Unity, JuBos und Desperados sitzen ebenfalls dabei, genau wie Die Kirsche sowie Sascha und DvB von diesem Fanzine hier.
„Mir war gar nicht bewusst, wie ungewohnt so ein Treffen ist“, sagt Jürgen Klopp zu Beginn. „Aber ich finde es sehr wichtig, dass wir uns so gut wie möglich kennenlernen.“ Im Trainingslager habe er die Idee zu diesem Treffen gehabt und mit den Fanbetreuern darüber geredet. Der BVB-Coach möchte für einen Neuanfang werben, er will sich gemeinsam mit den Fans auf die neue Saison, die neue Zeit einstimmen. Denn: „Ihr steht da genauso in der Verantwortung wie ich“, so der Trainer.
Er habe schon in den ersten Wochen bemerkt, dass hier in Dortmund eine besondere Stimmung herrsche. Über die Stimmung in der BVB-Fanszene habe er sich bis jetzt im schwatzgelb.de-Forum informiert. „Da waren ja auch nicht nur positive Kommentare über mich“, ist sich der Coach im Klaren darüber, dass seine Arbeit mitunter sehr kritisch beäugt wird. Er habe im Forum den Thread „Für alle die vergessen haben, wofür wir Petric haben“ entdeckt. Das Youtube-Video mit dem Zusammenschnitt aller Petric-Tore hätte er sich angesehen und im Training dann Mladen davon erzählt. „Er hat anschließend alle Freistöße rein gemacht“, sagt Klopp lachend.
Nachdem Formalia geklärt wurden (Klopp: „Es ist mir egal, wie lange das dauert, ich habe Zeit.“ und „Ihr könnt natürlich „Du“ und „Jürgen“ zu mir sagen.“), geht es in die Diskussionsrunde. Zunächst teilen die Fanvertreter mit, was sie sich von der neuen Saison erhoffen: ein klares Spielsystem solle erkennbar sein, eine feste Innenverteidigung, früheres Attackieren des Gegners und natürlich weniger Gegentore. Sascha von schwatzgelb.de teilt dem Trainer außerdem mit, er wünsche sich, dass der BVB endlich mal lernen würde, nach einem gegnerischen Tor einen ordentlichen Konter zu fahren. „Das trainieren wir natürlich und ich verspreche Dir, dass Du das in dieser Saison wenigstens
einmal sehen wirst“, sagte Klopp und fügte dann schmunzelnd an: „Wenn die Mannschaft es geschafft hat, binde ich eine Schleife um den Konter und überreiche ihn Dir.“ Was der Trainer in seiner lockeren Art damit sagen will: Er hat die Defizite erkannt und feilt im Training daran. „Wer Zeit hat, kann gerne beim Training vorbeischauen und sich davon überzeugen, dass wir da an allen Baustellen arbeiten.“
Einen nicht ganz ungewöhnlichen Wunsch formuliert Pizza-Toni aus Hagen: „Ich möchte, dass wir endlich mal die Blauen so richtig aus dem Stadion schießen. Aber ich habe das Gefühl, dass die Spieler dieses Derby gar nicht so ernst nehmen wie wir.“ Er sei sich der Besonderheit des Spiels bewusst, sagt Klopp. Nirgendwo sei die Rivalität größer als zwischen Dortmund und Sch****. „Aber ihr könnt natürlich von den Spielern, die von außen hier hin kommen, nicht das gleiche Rivalitätsdenken erwarten, das ihr habt“, so der Trainer. „Aber glaubt mir, die Spieler haben diese Rivalität viel mehr verinnerlicht, als ihr vielleicht denkt. Und Derbies finden alle Spieler geil.“
Die Fanszene sei seit den Fast-Abstiegen viel enger zusammengerückt, sagt ein anderer Fanvertreter. „Klar, ihr habt Leidensfähigkeit bewiesen“, antwortet Klopp. „Glückwunsch dazu.“ Trotzdem sei es Leiden auf hohem Niveau, entgegnete ein Fanvertreter. Der Trainer nickt mit dem Kopf und öffnet die zweite Flasche Radler.
Wolle bringt das Thema Erfolg und Saisonziele auf. Er meint, dass er das Gefühl habe, dass das Erfolgsstreben innerhalb der Fanszene nicht so übertrieben sei, wie es oft den Anschein hat. Der Schreiber dieses Artikels nimmt das Thema auf: „Ich denke auch, dass die Qualifikation für die Champions League oder den UEFA Pokal den
Fans gar nicht so wichtig ist.“ Viel wichtiger sei es, dass die Zuschauer sehen und erkennen würden, dass die Mannschaft versucht, jedes Spiel zu gewinnen, auch wenn das natürlich nicht immer klappen würde. „Wir wollen ehrlichen Fußball spielen, das kann ich euch versprechen“, entgegnet Klopp. „Es gibt einige Mannschaften, die besser sind als wir, aber die wollen wir trotzdem schlagen.“
In der Folgezeit nehmen Fans und Trainer einige Spieler näher unter die Lupe: „Ich hatte das Gefühl, dass Florian Kringe läuferisch immer mehr abbaut“, sagt einer. „Ja“, antwortet Klopp. „Florian war konditionell im Keller, musste aber wegen Verletzungen immer wieder einspringen.“ Ein anderer Fanvertreter will wissen, wie man Nelson Valdez das Toreschießen beibringen könne. „Das kann er schon“, lacht der Trainer. Valdez sei ein sehr wichtiger Spieler. Er sei durch seine Laufarbeit ständig in gefährlichen Situationen, er müsse sie nur rein machen. Klopp erzählt von einer Szene aus dem Training: „Da hatte Nelson eine Riesenmöglichkeit und wollte den Ball über den Torwart heben. Als ich ihn gefragt habe, warum er das gemacht hätte, antwortete er: Ich wollte es mal probieren, Trainer.“ Klopp lacht, als er an die Geschichte denkt. Man merkt ihm an, dass er den Spieler Nelson Valdez sehr schätzt. Er erzählt weiter:
„Da hab ich ihm gesagt: Du probierst jetzt gar nichts mehr, sondern knallst ihn einfach rein.“ Jetzt lachen auch alle Fanvertreter herzlich auf.
Ob denn die Spieler dem psychologischen Druck vor 80.000 gewachsen seien, will jemand wissen. „Das ist natürlich eine Extremsituation, wenn 80.000 meckern oder pfeifen. Aber natürlich ist es das gute Recht der Fans, Unmut zu äußern, das sage ich auch den Spielern“, sagt Klopp. „Aber andersrum gesehen ist es natürlich auch ein Ansporn, wenn ihr alle jubelt.“ Würden die Fangesänge denn die Spieler überhaupt anspornen, fragt ein anderer Fan. „Natürlich, das kriegen die Spieler alle mit und finden es absolut genial. Deswegen sagte ich ja auch, dass ihr eine große Verantwortung habt.“ Auch als gegnerischer Trainer bekäme man die besondere Atmosphäre im Westfalenstadion mit.
Über Neven Subotic und Mats Hummels meint der Trainer, dass „wir die beiden größten deutschen Innenverteidiger-Talente in Deutschland haben“. Ob sie denn immer zusammen spielen werden, das stünde auf einem anderen Blatt. „Wir haben ja noch Robert Kovac und Felipe Santana und da werde ich auch mal wechseln. Nicht weil ich muss, sondern weil ich es kann.“ Auf die Frage, ob der Trainer denn Ausdauer habe, wenn es eine Zeit mal nicht so gut mit Hummels und „seiner“ Verpflichtung Subotic laufen würde, gibt der Trainer eine klare Antwort: „Ich hätte Neven Subotic ja nicht hier hin geholt, wenn ich nicht genau wüsste, was das für ein Riesenfußballer ist.“
Über Giovanni Federico sagt Klopp, dass der sich total mit dem BVB identifiziere. Klar sähe das manchmal etwas langsam aus, wie er sich bewegt, „aber glaubt mir, der spielt hier richtig gerne. Wenn der einen Zehnjahresvertrag vom BVB vorliegen hätte, der würde den blind unterschreiben.“ Und Dede sei ein genialer Fußballer. „Wie der sich aus heiklen Situationen befreit, das ist schon sensationell.“
Nach zweieinhalb Stunden intensiver Diskussion erklärt Jürgen Klopp, was er sich von uns Fans für die nächste Saison wünscht: „Lasst uns einfach zusammen einen Neuanfang starten. In einem Jahr sprechen wir uns wieder und dann schauen wir mal, was wir alles besser machen können“, so der Trainer. „Ihr werdet der Mannschaft und dem Trainerstab anmerken, dass wir alle Bock haben.“ Danke, Jürgen Klopp. Wir haben jetzt schon Riesenbock auf die neue Spielzeit.
Fotos Gesprächsrunde: BVB-Fanbetreuung
DvB, 07.08.2008